Doppelter Sprung ins Arbeitsleben

13.06.2018

Zwei Mitarbeiter des Sozialkaufhauses haben einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

Im Sozialkaufhaus freut sich die Chefin, wenn jemand woanders einen Arbeitsvertrag unterschreibt: Chris Martin Peters an einem seiner letzten Arbeitstage in der Damenoberbekleidungsabteilung mit Teamleiterin Susanne Heidel. Foto: Privat

Bad Bramstedt (em) - Wenn kompetente Kräfte einen neuen Arbeitsplatz finden, ist die Freude bei den bisherigen Chefs gewöhnlich nicht so groß. Ganz anders bei Susanne Heidel vom Sozialkaufhaus der Diakonie Altholstein in Bad Bramstedt: Die Teamleiterin strahlt, wenn Chris Martin Peters und Katrin B. von ihren neuen Arbeitsverträgen berichten, auch wenn damit zwei versierte Mitarbeiter in der Damenoberbekleidungsabteilung fehlen werden.
Das Sozialkaufhaus am Maienbeeck ist kein gewöhnliches Warenhaus: Alles, was hier verkauft wird, stammt aus Spenden, und wer hier beschäftigt ist, hat gewöhnlich eine lange Phase der Arbeitslosigkeit hinter sich. 25 Teilnehmer werden hier über einen Zeitraum von im Schnitt neun Monaten dafür fit gemacht, wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie lernen, was im Verkauf wichtig ist, wie ein Lager funktioniert und wie es im Umgang mit Kunden gut klappt. Doch was noch wichtiger ist: Sie werden Teil eines Teams, das ihre Arbeitskraft und Talente braucht und darauf zählt, dass sie morgens pünktlich auf der Matte stehen.
Das schien für Chris Martin Peters anfangs die größte Herausforderung zu sein. „Morgens habe ich mich hoch gequält“, erinnert sich der 37-Jährige. „Das frühe Aufstehen fiel mir nach vier Jahren Arbeitslosigkeit echt schwer.“ Aus seiner Arbeit in der Gastronomie kannte er den Schichtdienst, doch ohne Job verschob sich nach und nach der ganze Tagesrhythmus, immer mehr Zeit nahmen Onlinespiele ein, bis für Peters Tag und Nacht keine Rolle mehr spielten. Die Arbeit im Kaufhaus half ihm, wieder in einen geregelten Ablauf zu finden. Nach einem Jahr startete er eine Umschulung zum Verkäufer, doch im Fernlehrgang fehlte ihm die persönliche Ansprache. „Da war keiner ansprechbar, das war nichts für mich. Wenn ich hier im Kaufhaus eine Frage habe, kann ich zu Frau Heidel gehen.“ Er brach die Umschulung ab und startete einen neuen Anlauf im Sozialkaufhaus, diesmal mit dem festen Vorsatz, bis zum Mai eine Arbeit zu finden. Das hat geklappt, in Kürze beginnt seine Einarbeitung in der Warenannahme und –kontrolle eines großen Lebensmittelhändlers.
Nur mit einem virtuellen Gegenüber zu arbeiten, schreckt Katrin B. hingegen nicht. Sie steckt am heimischen PC bereits mitten in der Schulung für den Kundenservice eines Onlinehändlers. „Das hat auch Vorteile, wenn man im Schlafanzug und mit einer Tasse Kaffee mit der Arbeit beginnen kann“, lacht die 59-Jährige. 30 Jahre im Verkaufsinnendienst hatte sie hinter sich und war gerade zu einem amerikanischen Unternehmen gewechselt, als das in eine Krise geriet und sie entlassen wurde. Katrin B. pflegte ihre Mutter, als diese schließlich starb, fiel sie in ein tiefes Loch. „Ich habe mich immer mehr abgekapselt“, erinnert sie sich, „Ich war überhaupt nicht mehr in der Lage, das Leben zu meistern.“ Im November 2016 vermittelte das Jobcenter sie dann in die Beschäftigungsmaßnahme im Sozialkaufhaus. „Da wusste ich, ich kann mich nicht länger eingraben, die Kollegen und Kunden warten auf mich.“
Fehlende fachliche Fähigkeiten sind es nach Susanne Heidels Erfahrung nicht, die den Sprung aus der Arbeitslosigkeit in ein reguläres Arbeitsverhältnis verhindern. Doch wie bei Katrin B. ist häufig das Zutrauen in die eigenen Stärken verloren gegangen oder es kommt wie bei Chris Martin Peters eine Suchterkrankung hinzu. Und nicht jeder hat wie die beiden eine Ausbildung und Berufserfahrung nachzuweisen. „Unsere Teilnehmer ohne Ausbildung sind genauso zuverlässig, sie haben aber deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, resümiert die Anleiterin. Bei dieser Gruppe kommt die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften nicht an. Sie versuchen mit weiteren Maßnahmen des Jobcenters am Ball zu bleiben.
Chris Martin Peters und Katrin B. hingegen haben den Sprung geschafft. Worauf sie sich am meisten freuen? Da sind sich die beiden einig: Die finanzielle Verbesserung mit einem regulären Gehalt. Ins Sozialkaufhaus kommen sie jetzt nur noch, um die ehemaligen Kollegen zu besuchen und einen prüfenden Blick darauf zu werfen, ob die Sommermode ansprechend präsentiert wird.

          Ihnen hat der Artikel gefallen? Dann geben Sie uns gerne ein "Daumenhoch" oder folgen Sie uns auf Facebook,
          um keinen Beitrag aus Ihrer Region zu verpassen.

  • Bauen Wohnen

    Bauen Wohnen 2018 39